Zum Inhalt springen

RAUHNÄCHTE, ZWISCHEN DEN JAHREN

Heute, um exakt 23.23 Uhr, ist Wintersonnenwende – der kürzeste Tag und die längste Nacht des Jahres. Das Licht ist gesunken, die Dunkelheit befindet sich auf ihrem Höhepunkt. Das ist der Stand der Natur im späten Dezember.

Die Wintersonnenwende ist die große Umkehr und wird seit alters mit religiösen Riten und Kulten verknüpft. Man feiert das Ende der Finsternis und den Sieg einer neuen Sonne. In den altgermanischen und keltischen Ländern beginnt mit der Winterwende das Julfest, das Fest des wiederkehrenden Lichts. In Schweden, Dänemark und Norwegen heißt Weihnachten bis heute Jul.

Sonnenuntergang im Dezember. Schlosspark Neuer Garten in Potsdam © Rüdiger Contzen

Auch die Geburt der antiken Götter wird zur Zeit der Wintersonnenwende gefeiert, in jener dunklen Zeit des Jahres, in der das Licht und damit die Hoffnung des Menschen neu geboren werden. In der griechischen Mythologie steigt der Gott Dionysos zur Winterwende als Sonne empor, im römischen Reich wird zu dieser Zeit das Geburtsfest des antiken Sonnengottes Sol gefeiert, das Fest der »unbesiegten Sonne«.

In der Kathedrale Svetizchoveli, Mzcheta, Georgien © ac

Auch das Christentum hat die Geburt ihres Erlösers in eine zeitliche Analogie zur Wintersonnenwende gesetzt. Die Christianisierung der heidnischen Geburtsfeste findet im Laufe des 4. Jahrhunderts statt. Als Konzession an die römische Welt verlegt die frühe Kirche die Geburt ihres Gottes in die Nacht, in der auch die Heiden die Geburt ihres Gottes feiern – in die Nacht auf den 25. Dezember. 

Madonnenfigur aus Tirol um 1480, Krippensammlung des Bayerischen Nationalmuseums © ac

Das Licht wird in der Finsternis geboren. Weihnachten findet in tiefster Dunkelheit statt, nicht nur in der dunkelsten Nacht des Jahres, sondern auch in der dunkelsten Stunde dieser Nacht – in der Stunde um Mitternacht.

Christuskind aus Tirol um 1480, Krippensammlung des Bayerischen Nationalmuseums © ac

Das Christentum feiert an Weihnachten die Geburt des Lichtes – Christus ist »das wahre Licht«, sagt der Evangelist Johannes, »das alle Menschen erleuchtet«. Christus ist die neue Sonne, die alle Dunkelheit besiegt, nicht nur die Dunkelheit der Nacht.

Auch wenn das moderne Weihnachten weithin zu einer Art Winterfest ohne jede religiöse Intention geworden ist und in Konsum, Kommerz und Glühwein nahezu ertrinkt, so bleibt doch die Sehnsucht nach Sonne und Licht inmitten dieser dunklen und trüben Jahreszeit bis heute bestehen.

Basilica Abbaziale Di San Miniato Al Monte, Florenz © ac

An Weihnachten beginnen die »Rauhnächte«, auch »Zwölfte« oder »Unternächte«genannt. Diese zwölf Nächte zwischen dem 24. Dezember und dem 6. Januar fallen in ein seltsames zeitliches Vakuum. Sie fallen »zwischen die Jahre« und damit buchstäblich ins Bodenlose und ins Nichts.

Diese Tage und Nächte sind eigentlich Schalttage, einst von der christlich-römischen Obrigkeit verordnet, um die Kluft zwischen dem alten germanischen Mondjahr und dem römischen Sonnenjahr zu überbrücken. Die Kirche sucht die ärgerliche Tatsache zu verschleiern, dass Sonnen- und Mondumlaufzeiten auf kein gemeinsames Maß zu bringen sind und keine Anzahl von Mondmonaten im Sonnenjahr aufgeht. Die Schalttage »zwischen den Jahren« sind eine willkürliche Korrektur, um diese Diskrepanz aufzuheben, das Christentum zu befördern und den Riss zwischen den alten heidnischen Kulten und der christlichen Kirche zu kitten. 

Himmelsscheibe von Nebra aus Sachsen-Anhalt, etwa 4000 Jahre alt 

Nun gelten Schalttage aber seit alters als gefährliche Löcher im Kontinuum der Zeit und als besonders anziehend für die Mächte der Finsternis. Und so bricht der entmachtete, doch nach der eher oberflächlichen Christianisierung immer noch mächtige Glaube der Germanen in die Zeitlücke »zwischen den Jahren«. Die Geschichten der nordischen Mythologie, die am Tage verboten sind, werden in den Nächten weiter heimlich erzählt.

In den schwarzen Rauhnächten herrschen heidnische Mächte. Wilde Heerscharen jagen über das Land, Frauen reiten durch die Lüfte, wohnen greulichen Riten bei und lesen an fragwürdigen Orten in der Zukunft. Die schauerlichsten Gestalten taumeln über über die froststarre Erde, Zauberer, Gestaltwandler und Wettermacher. Durch die Finsternis weht ein Spuk.

Arthur Rackham, Illustrationen zu Richard Wagners »Die Walküre«, 1910/11 © WordPress

In den Rauhnächten feiern die germanischen Götter, durch christliches Dogma stigmatisiert und zu Dämonen degradiert, ihre gespenstische Auferstehung. Der gestürzte Olymp öffnet seine Pforten. Doch nicht mehr die Walküren, die stolzen Schildmägde des Odin, reiten auf weißen Rossen durch das nächtliche Gewölk, sondern nur noch ihre Zerrbilder und Schatten – Perchten und Hexen und böse Geister. 

Rauhnachtsgesindel. Brucker Perchten in Germering, München

Nicht die altnordische Totengöttin Hel geht mehr um in den stürmischen Stunden, sondern nur noch das Gesindel und Gelichter der Hölle. Und auch die Seelen der Verstorbenen, die in alter Zeit um den Mittwinter zu den Lebenden kamen und mit Speisen bewirtet wurden, irren nun als elende Schatten durch die Nacht. »Wo keine Götter sind, walten Gespenster«, hat der Dichter Novalis schon 1799 erklärt.

In der Zeit »zwischen den Jahren« mischen sich heidnische Kulte, Aberglaube und christliches Gedankengut auf innige und unentwirrbare Weise. Die »Zwölfte« gelten als heilige Nächte, in die auch die christliche Weihnacht fällt, zugleich aber auch als Unternächte, in denen man mit Zauber, Opfer und Magie das Schicksal beschwören kann. 

Fresko in der Kirche Svetizchoveli, Mzcheta, Georgien © ac

Die wichtigsten, die heiligsten und gefährlichsten Rauhnächte übrigens sind die Nacht zum 25. Dezember, die Nacht zum 1. Januar und die zum 6. Januar – in der letzten Nacht jagen Perchten und Hexen besonders stürmisch durch die Luft.

Arthur Rackham, Illustrationen zu Richard Wagners »Die Walküre«, 1910/11 © WordPress

In den schattenlosen Stunden der Rauhnächte gilt auch das Orakel als besonders auskunftsfreudig, vor allem die Runen, die magischen Schriftzeichen der Germanen, die von den drei Nornen geworfen werden und das Los des Menschen bestimmen. Urd heißt die älteste der Nornen, der Vergangenheit verhaftet, Werdandi die mittlere, die Gegenwart gestaltend und Skuld die jüngste und schönste, der die Zukunft gehört.

Die drei Nornen von Arthur Rackham, Illustrationen zu Richard Wagners »Götterdämmerung«, 1910/11 © WordPress

Seit je wird versucht, in der letzten Nacht des Jahres den Schleier der Zukunft zu lüften und das Orakel zu befragen mit Karten, Münzen, Runen, Bohnen oder Zwiebelschalen. Ein Rest aus den alten Lostagen ist auch das Bleigießen, ein alchimistischer Laborversuch für Laien, der Blei in Gold verwandeln soll. Der Silvesterpunsch aber gehört der römischen Fortuna, der launischen und unberechenbaren Glücksgöttin, die das Rad des Schicksals dreht. 

Fortuna / Tyche von Eutychides, 296 v. Chr. © Vatikanische Museen, Rom

Mit Epiphanias ist der Spuk vorbei. Am 6. Januar, dem volkstümlichen Dreikönigsfest und dem christlichen Hochfest »Erscheinung des Herrn«, sind Weihnachtsfestkreis und Rauhnächte vorüber. Teufel und Totengeister kehren in die unteren Welten zurück und die Kerzen am Tannenbaum können getrost gelöscht werden. 

Tannenbäume vor der Feldherrenhalle in München © ac

In Frankreich, Portugal und der Schweiz werden am 6. Januar die Dreikönigskuchen gebacken, in Italien bringt die gute Hexe Befana noch einmal Geschenke, auch in Spanien finden weihnachtliche Bescherungen statt. Die orthodoxen Kirchen Europas feiern Weihnachten ohnehin erst am 6. Januar.

In den katholischen Gemeinden ziehen die Kinder, als morgenländische Könige verkleidet, singend von Haus zu Haus, reinigen die Priester mit Weihrauch die Räume und schreiben mit geweihter Kreide die neue Jahreszahl und die Anfangsbuchstaben der Könige – Caspar, Melchior und Balthasar – an die Tür. 

Leonardo da Vinci, Anbetung der Könige aus dem Morgenland (unvollendet), um 1481 © Galleria degli Uffizi, Florenz

Ich wünsche Euch/Ihnen von Herzen God Jul, Frohe Weihnachten, Merry Christmas, Buon Natale, Feliz Navidad! Und einen wilden Start ins neue Jahr.

Beitragsbild © Willy Römer, Berlin 1920 / Staatliche Museen zu Berlin

Sei der Erste der einen Kommentar abgibt

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.