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VON CHINA NACH EUROPA UND ZURÜCK

Tradition, Tischkultur, Schönheit, Stil. Auf dem Porzellan liegt der Goldstaub einer vergangenen Kultur, einer einst höfischen und später bürgerlichen Lebenswelt, die längst nicht mehr existiert. Ihre Vorstellungen von Anmut und Eleganz, von Luxus und Leidenschaft, sind nahezu vergessen. 

Das Porzellan kommt aus China und entsteht irgendwann zwischen dem 3. und dem 9. Jahrhundert. Seit dem 13. Jahrhundert wird das »Weiße Gold« von den europäischen Höfen importiert. Es kommt auf  langen und gefahrvollen Wegen über Land und See und ist entsprechend kostspielig. 

Dekor Ming Drache, Porzellan Manufaktur Meissen

Das Geheimnis des Porzellanmachens bleibt in Europa lange unbekannt. Erst dem deutschen Alchemisten und Chemiker Johann Friedrich Böttger gelingt es, das Geheimnis zu entschlüsseln. Mit Hilfe fachkundiger Hüttenleute und im Auftrag von August II., Kurfürst von Sachsen und König von Polen, erfindet er das erste europäische Porzellan. 

Am 6. Juni 1710 eröffnet der Kurfürst die Porzellan-Manufaktur auf der Albrechtsburg in Meißen. Die Abhängigkeit von den Chinesen ist vorbei. 

Kaffeekanne von Meissen © Museum Bamberg / Sammlung Ludwig

August der Starke ist der deutsche »Sonnenkönig«, ein Inbegriff höfischer Prachtentfaltung und absolutistischer Selbstdarstellung. Er liebt Gold, Gemälde, prachtvolle Schlösser, Pretiosen, rauschende Feste und Frauen und setzt alles daran, um Sachsen kulturell wie politisch zu einem der ersten deutschen Länder zu machen. Seine Porzellan-Manufaktur mit den gekreuzten Schwertern ist Teil dieses ehrgeizigen Plans und extrem erfolgreich. Meissen gilt in kürzester Zeit als ein Synonym für Porzellan schlechthin.

Meissener Porzellan, 1876. Der Fürstenzug in der Innenstadt von Dresden besteht aus mehr als 25.000 Fliesen und ist das größte Porzellanbild der Welt © alamy stock photo

Nur wenig später entstehen die beiden anderen großen deutschen Porzellan-Manufakturen. Die Münchner Porzellanmanufaktur Nymphenburg wird 1747 von Kurfürst Maximilian III. Joseph gegründet, die Berliner Königliche Porzellan-Manufaktur 1763 von Friedrich II. von Preußen. Bis zur Abdankung Wilhelms II. im Jahr 1918 ist die KPM mit ihrem kobaltblauen Zepter im Besitz von sieben Königen und Kaisern. 

Deckelvasen mit Veduten von KPM um 1803 © Dorotheum

Porzellan ist lange den Höfen vorbehalten. Hier sammelt man repräsentativen Prunk nach dem Vorbild von Versailles. Hier speist man an üppig gedeckten Tafeln mit vergoldetem Geschirr und dekorativen Aufsätzen in Form von Schiffen, Schwänen, Blumenbouquets oder Gärten – die Prachtentfaltung gilt als Herrschertugend und Ausdruck dynastischer Politik. 

Hier schätzt man kunstvoll bemalte Püppchen, die Gestalten aus der Mythologie darstellen oder galante Damen und Herren, die im barocken Lustgarten zwischen gestutzten Buchsbäumchen und Amoretten flanieren.

»Der stürmische Galan« von Franz Anton Bustelli für die Porzellanmanufaktur Nymphenburg, um 1756 © Bayerisches Nationalmuseum München

Beliebt sind übrigens auch Püppchen, die idealisierte Figuren aus der Landbevölkerung zeigen – ein Blumenmädchen, einen Weinhändler, eine Fischverkäuferin. Leider kennt die wirkliche Landbevölkerung, die zumeist aus leibeigenen Bauern besteht, überhaupt kein Porzellan, sondern isst aus irdenen Schüsseln und Näpfen.

Die europäische Aristokratie aber liebt Porzellan. Der bayerische König Ludwig II. ordert bei Meissen ein Schreibset mit zwei Globen als Tintenfass und Sandstreuer und einer Krone, die man als Glocke fürs Personal benutzen kann. König Friedrich II. von Preußen bestellt sechs große Vasen mit üppigen weißen Schneeballblüten, Blätterranken und Vögeln, die der berühmte Modelleur Johann Joachim Kaendler 1742 für Meissen entwirft.

Schneeballblüten-Dekor © Porzellan Manufaktur Meissen

Elisabeth von Russland lässt sich von Meissen ein Service mit Goldspitzenbordüre, Rosen und dem kaiserlichen Doppeladler herstellen. Und für Katharina II. fertigt die Königliche Porzellan-Manufaktur Berlin ein Dessert-Service mit Tafelaufsatz  – zu Füßen der Zarin im Zentrum des Aufsatzes ruhen antike Gottheiten und allegorische Gestalten.

Die »Astronomie» aus dem Tafelaufsatz für Zarin Katharina II. von Russland © Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg / Walter Steinkopf

Die absolutistische Welt ist ungerecht. Die einen sammeln kostbares Porzellan, die anderen Kartoffeln und Feuerholz. Erst mit dem Niedergang der feudalen monarchistischen Herrschaft verzeichnen auch die Porzellan-Manufakturen einen deutlichen Einbruch. 

In der Mitte des 19. Jahrhunderts entdeckt ein neues und wohlhabendes Bürgertum das Porzellan für sich. Die bürgerliche Klasse orientiert sich an den Leitbildern und Wertvorstellungen der entmachteten aristokratischen Oberschicht. Das kann man als Anachronismus lesen, aber auch als Rettung eines kulturellen europäischen Erbes. 

Blumen, Früchte, Tiere und Landschaften in Freihand-Malerei auf Porzellan © KPM

Mit dem Bürgertum erlebt auch das blaue »Zwiebelmuster« einen beispiellosen Boom und wird zum bekanntesten und meist kopierten Dekor der Meissner Manufaktur. Zwar wird es schon 1739 nach chinesischen Vorlagen entworfen, eignet sich aber für eine massenhafte Produktion. Dabei verdankt es seinen Namen einem Irrtum. Das Muster stellt nämlich keine Zwiebeln dar, sondern Granatäpfel, Bambus und Chrysanthemen.

Zwiebelmuster-Gewürzgefäß mit Koch an zwei Muscheln, um 1850 © Hetjes-Museum, Düsseldorf

Wenn es nach einer neuen und verschärften EU-Keramikrichtlinie geht, wird dieses Dekor allerdings womöglich bald verschwunden sein – das Zwiebelmusterblau soll zu viel Cadmium enthalten. Hat man noch alle Teller und Tassen im Schrank?

Zwiebelmuster von Meissen © Porzellan Manufaktur Meissen

Das »Alte Europa« geht schon mit dem Ersten Weltkrieg unwiderruflich unter. Spätestens nach dem Zweiten Weltkrieg aber wird alles Porzellan zerschlagen. Die Manufaktur Meissen wird erst von den Sowjets demontiert und später zu einem »Volkseigenen Betrieb« erklärt. Die Produktion ist primär auf Devisen ausgerichtet, der gewöhnliche Volksgenosse muss seine alten Teller und Tassen behalten, auch wenn sie angeschlagen sind, weil die sozialistische Planwirtschaft zuverlässig dafür sorgt, dass nichts Besseres zu haben ist. 

Im westlichen Teil des Landes sorgen die links-sozialistischen 68er-Wohlstandsbürgerkinder dafür, dass Porzellan plötzlich altbacken und spießig ist. Es gilt als »bourgeois« und ist damit verpönt. Porzellan haben nur noch Großmütter und alte Tanten, die ihre Sammeltassen und Terrinen in der Wohnzimmer-Vitrine zur Schau stellen.

Rokoko Terrine mit Dekor Cumberland © Porzellan Manufaktur Nymphenburg

Natürlich hat man Porzellan in den besseren Kreisen immer geschätzt, genutzt und gesammelt. Auch im 20. Jahrhundert. Doch die 68er haben das Land nun mal nachhaltig verändert und ihren Widerstand gegen alles Althergebrachte zur »Mainstream-Kultur« gemacht. Teures Porzellan gilt weithin als ein überflüssiges Luxusgut aus verflossenen Zeiten. 

Dekor »Cumberland«, 1765. Das erste »Churfürstliche Hofservice« von Franz Anton Bustelli © Porzellan Manufaktur Nymphenburg.

Porzellan muss heute nicht mehr schön oder gar wertvoll sein, sondern zeitgemäß und zweckmäßig. Was soll man in einem großstädtischen Single-Appartement auch mit einem Tafelaufsatz anfangen oder einem purpurfarbenen Service für 24 Personen? Schon eher geeignet wäre vielleicht ein Tête-à-Tête-Dejeuner für Morgenstunden in trauter Zweisamkeit.

Ägyptisches Tête-à-Tête Service für zwei Personen von KPM, um 1810 © Lempertz

Porzellan muss praktisch und pflegeleicht sein und selbstverständlich spülmaschinenfest. Mein Frühstücksgeschirr mit Platinrand stammt zwar nicht aus Meißen, sondern aus dem französischen Mehun-sur-Yèvre, erfüllt diese Anforderungen aber leider auch nicht. Man kann es nicht in die Maschine packen – erst wird der Platinrand matt, dann wird er grau und zuletzt bleibt nur ein Schatten übrig, der irgendwie unsauber aussieht. Ich spüle also täglich per Hand. Das macht Arbeit und kostet Zeit, die man nicht hat. Ich eigentlich auch nicht. 

Die 1818 von Richard Pillvuyt gegründete Manufaktur hat den Platinrand mangels Nachfrage denn auch kürzlich aufgegeben. Ich suche gerade im Netz nach Restposten, finde aber nur noch irgendwelche Einzelteile, die kein Ganzes mehr ergeben. Die Zeit des Bürgertums ist nun mal vorbei. Das kann man finden wie man will, ändern kann man es nicht. Da hilft auch keine Nostalgie.

Vasen mit Schneeballblüten und Vögeln von Johann Joachim Kaendler, um 1742 © Porzellan Manufaktur Meissen

In China hat man im Zuge der maoistischen »Kulturrevolution« ebenfalls alles zerschlagen, nicht nur das Porzellan. Doch im 21. Jahrhundert ist das Porzellan von Meissen, das bis heute und ungeachtet aller Anfechtungen zu den ältesten deutschen und international bekanntesten Luxusgütern gehört, in China wieder äußerst beliebt. 

Chinesische Touristen kaufen am liebsten traditionelle Marken – nicht nur Taschen und Schuhe von Gucci oder Chanel, sondern auch Messer und Scheren von dem Solinger Messermacher »Zwilling«, der auch schon seit 1731 existiert, und natürlich Porzellan. So geht die Geschichte von China nach Europa – und wieder zurück.

© Gucci Cruise 2017 ad campaign / Glen Luchford

Auch in Deutschland darf sich eine jüngere Generation, unbeschwert von den Altlasten des späten 20. Jahrhunderts, heute wieder für Porzellan begeistern, ohne gleich als »uncool« zu gelten.

© Gucci Fall/Winter 2018 ad campaign / Glen Luchford

Wer sonst noch im Angesicht bürgerlicher Traditionen nicht sofort mit den Augen rollt, wer die Kunst früherer Epochen nicht mit Kitsch verwechselt oder wer schlicht keine Lust mehr auf die millionenfachen Pappbecher-to-go hat, die heute die Straßen und Städte vermüllen, was übrigens zu den ökologischen und nachhaltigen Idealen urbaner Zeitgenossen wenig passt, kann ebenfalls wieder Porzellan kaufen. 

Große Rokoko-Prunkvase aus Weißporzellan von Meissen © Lempertz

Es muss ja nicht gleich eine mit Blüten, Früchten, Insekten und Putti üppig dekorierte Rokoko-Vase aus weißem Porzellan von Meissen sein. Oder eine Teekanne mit dem berühmten Schneeballblüten-Dekor, das Johann Joachim Kaendler vor 280 Jahren erfindet und das bis heute immer wieder neu aufgelegt wird.

Sage keiner, Porzellan sei nicht zeitlos. Zeitlosigkeit aber, was sonst, ist ein Zeichen wahren Stils.

Beitragsbild Dekor »Royal Blossom« mit Schneeballblüten, 1739 © Porzellan Manufaktur Meissen


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