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JANUAR. ALLES AUF ANFANG

Nichts vergeht so schnell wie die Jahre. »Die Zeit überschlägt sich wie ein Stein vom Berge herunter«, schreibt Goethe an seinen Freund Johann Heinrich Meyer, »und man weiß nicht, wo sie hinkommt und wo man ist.« 

Im Kreis des Jahres fallen Anfang und Ende zusammen. Im Anfang liegt auch das Ende beschlossen. Immer geht es um den Anfang, um den ersten Moment, der alles entscheidet. Wie der Anfang, so das Ganze, so lautet die Beschwörungsformel. 

Max Ernst, Geburt einer Galaxie, 1969 (umgekehrt) © Fondation Beyeler, Riehen/Basel, Sammlung Beyeler

Mit jedem Januar beginnt etwas Neues, nicht nur ein neues Jahr. In jedem Januar liegt ein Aufbruch, ein Neuanfang, eine neue Möglichkeit –  »a new dawn, a new day, a new life« (Nina Simone, 1965). 

In jedem Januar sehnen wir uns nach dem Neuen. Wir wollen das Alte hinter uns lassen – all die Mühsal und die Müdigkeit, all den Kummer und die Konflikte. Wir hoffen auf Erneuerung – auf eine neue Perspektive, eine neue Liebe, ein neues Leben. Alle guten Vorsätze der Silvesternacht gehören dazu. Noch einmal von vorn beginnen! 

Jungfernsee, Potsdam © Rüdiger Contzen

Reinigung ist eine wichtige Voraussetzung für das Neue. Das neue Jahr soll sauber, frei und rein beginnen.

Viele alte Kulturen haben Reinigungsrituale an den Anfang eines neuen Jahres gestellt. In Japan hat man traditionell die Häuser gereinigt, die Kleidung gewaschen, die alte Asche fortgekehrt und das Feuer neu entzündet. In Brasilien wird das neue Jahr bis heute mit einem Bad im Meer begrüßt und mit sauberen weißen Gewändern. Auch in vielen anderen Ländern steigt man zu Jahresbeginn in die Fluten – auch wenn sie kalt sind.

Marie Piovesan © Deborah Turbeville / Vogue Italia 2012

In diesem Sinne fängt auch mein Januar schon seit vielen Jahren mit einem Reinigungsritual an. In den ersten Tagen des neuen Jahres putze ich mein Haus, räume meinen Schreibtisch auf, meinen Kleiderschrank und meine Schubladen. Ich lasse nichts aus.

Mein Schreibtisch, noch unaufgeräumt @ ac 

Ich entsorge alles, was defekt ist, was ich nicht mehr brauche oder nicht mehr trage. Alles, was mir nicht mehr gefällt oder was zu meinem Leben nicht mehr passt. Na gut, manche Dinge behalte ich auch, selbst wenn sie nicht mehr passen. Sie sind einfach zu schön. Zauberhafte Schuhe etwa – und sie müssen nicht von Dior sein – entsorgt man nun mal nicht.

Pumps »Versailles« von Christian Dior für Roger Vivier, um 1960, Sammlung Quidam de Revel © Laziz Hamani

Ansonsten kann ich kategorisch sein. Was bleibt, wird neu gesichtet, sortiert und gezielt mit neuen Lieblingsstücken ergänzt. Ich will nicht mehr wahllos kaufen. Wir werden überschüttet mit Waren und wissen nicht mehr, was wir wollen und noch weniger, was wir brauchen oder was uns steht.

»Buy Less«. Vivienne Westwood im Kunsthistorischen Museum in Wien © Gebrüder Beetz Filmproduktion

Ich will überhaupt weniger kaufen. Und nur noch Dinge, die zeitlos sind und unangestrengt und auch im nächsten Jahr noch »very me«. Kein Vorsatz, aber ein ziemlich guter Satz der britischen Designerin Vivienne Westwood, die nicht im Verdacht steht, eine verkniffene Asketin zu sein: »Wir konsumieren alle viel zu viel. Kauft weniger, sucht gut aus und achtet darauf, dass es lange hält«. Das hat Stil.

© Dior Cruise 2019 ad campaign 

Vorsätze hin, Vorsätze her. Manchmal braucht man einfach etwas Neues. Vor allem im Januar, wenn die neuen Kollektionen kommen. Ich denke gerade über einen traumhaften Tüllrock nach, der zu meinen Sneakern und den derben Boots passt, zu dicken Pullovern, schlichten Shirts und zu einem neuen Trenchcoat mit Toile-de-Jouy-Print, den ich eigentlich bräuchte. Oder nicht? 

Bottega Veneta Spring/Summer 2015 ad campaign © Nobuyoshi Araki

Schön wäre auch ein Frühlingsmantel mit passendem Schleifentop in einer zarten Farbe. Das ist zeitlos, elegant und unaufdringlich. »Etwas für die Ewigkeit«, wie einem immer versprochen wird. Dabei ist nichts mehr für die Ewigkeit. Noch nicht einmal für ein Leben.

Wandbild im Restaurant eins44 Kantine Neukölln, Berlin @ ac

Weiß ist die Farbe des Anfangs. Früher gab es im Januar immer »Weiße Wochen«. Erinnert sich jemand daran? In den Kaufhäusern stapelten sich weiße Dinge im »Sonderangebot« – lauter weiße Waren, weißes Porzellan und weiße Wäsche. Keine Ahnung, ob es das noch gibt. Aber irgendwie entsprach es dem Bedürfnis, am Anfang eines Jahres etwas Neues, Sauberes und Weißes zu haben. 

Heute kaufen wir online, nicht nur das Weiße. Gelegentlich aber geht es zu Bruch.

Mein Frühstücksgeschirr, weiß mit Platinrand. Die Produktion wurde eingestellt, jetzt versuche ich, noch Reste im Netz zu finden @ ac

Weiß ist die Farbe des Winters. Weiß ist die Kälte. Wir gehen Schlittschuhlaufen auf dem gefrorenen See – mein Kind und ich. Scharf stehen die kahlen Bäume vor den weißen Dächern. Weiß ist auch die Farbe der Zeit. Manche Dinge ändern sich nicht.

Pieter Breughel d. Ä. Winterlandschaft mit Eisläufern und Vogelfalle, 1565 © Royal Museums of Fine Arts, Brüssel

Weiß ist die Landschaft im Januar. Ein unschuldiges und sauberes Weiß, makellos wie frisch gefallener Schnee, der all die Altersrisse und den Plunder der Moderne begräbt.

Über Grönland @ Rüdiger Contzen

Weiß ist das Papier, auf das die Zukunft ihre Namen schreibt. »Die Türen des Jahres öffnen sich dem Unbekannten entgegen«, schreibt der mexikanische Schriftsteller Octavio Paz im Januar. »Gestern abend sagtest du mir: Morgen gilt es, ein paar Zeichen zu setzen, eine Landschaft zu skizzieren, einen Plan zu entwerfen auf der Doppelseite des Papiers und des Tages. Morgen gilt es, aufs neue, die Wirklichkeit dieser Welt zu erfinden.« 

Beitragsbild Traill Island, Ostküste Grönland 72° Nord © Rüdiger Contzen

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