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DIE HAUT RETTEN I

Sommersonne ist schön. Rot verbrannte oder braun gegerbte Haut ist es nicht. Die Nachkriegsjahrzehnte, in denen ein sonnengebräuntes Gesicht noch mit Luxus, Jet-Set und unbegrenztem Urlaub gleichgesetzt wird, sind längst vorbei.

Heute ist braungebrannte Haut, nicht nur aus Angst vor Hautkrebs, wieder restlos »out«. Das neue Ideal ist eine blasse oder allenfalls zart getönte Haut. Bei den Oscar-Verleihungen in Hollywood, immer ein Seismograph für die aktuellen Schönheitstrends, waren zuletzt viele auffallend helle, makellose und von keinem Sonnenstrahl beschädigte Körper zu bewundern.

Nastya Kusakina © Markus Jans / achtung mode 2013Tilda Swinton © Gentle Monster 2017 ad campaign

Über Jahrhunderte ist ein blasser weißer Teint das europäische Schönheitsideal schlechthin. Seit der Antike gilt ein heller Porzellanteint als Attribut der Aristokratie und der höheren Gesellschaftsschichten, als ein Zeichen für Reichtum und Macht, Muße und Schönheit. Nur Bauern und Sklaven sind braun.

Schon für den griechischen Dichter Homer muss die ideale Haut »weißer als Elfenbein« sein. Auch die antiken Göttinnen werden besonders licht und hellhäutig vorgestellt. In der Annäherung an das göttliche Ideal benutzen die Damen der Zeit »weißende« Kosmetika, um blasser zu erscheinen. Das Bleiweiß etwa, eine ziemlich toxische Mischung, wird noch im 16. Jahrhundert von Queen Elizabeth I. verwendet.

An den herrschaftlichen Höfen Europas ist weiße Haut ein absolutes »must«. Es gibt Pasten aus Blei und Arsen, die das Gesicht zu einer weißen Maske erstarren lassen. Und die Mengen an weißem Mehl, die noch im 18. Jahrhundert am Hof von Versailles als Puder verbraucht werden, hätten nach Meinung mancher Spötter durchaus gereicht, um die hungernde Landbevölkerung zu ernähren.

Cate Blanchett als Queen Elizabeth I of EnglandThomas Gainsborough, Georgiana Cavendish, Duchess of Devonshire, 1787 © Chatsworth House Collection

Für das aufstrebende Bürgertum des 19. Jahrhunderts ist die »vornehme Blässe« des Adels noch richtungsweisend. Man meidet die Sonne und schützt sich mit Schirm oder Schleier vor unerwünschter Bräune. Selbstverständlich ist man immer »angezogen«, auch im Sommer. Man trägt Hut und Handschuhe, lange Kleider und langärmelige Blusen. Nur auf Bällen oder abendlichen Gesellschaften ist Haut zu sehen – blasse Haut.

Claude Monet, Camille auf dem Hügel 1875 © National Gallery of Art WashingtonStella Tennant und ihre Großmutter Deborah Cavendish, Duchess of Devonshire © Mario Testino / British Vogue 2006

Der moderne Zeitgeist orientiert sich nicht mehr an irgendwelchen Eliten, die es ohnehin kaum mehr gibt. Auch die alte Vorstellung, dass nur die Jugend sich freimütig entblößen darf, da sie die Schönheit auf ihrer Seite hat, gehört einer vergangenen Epoche.

Dem westlichen Massengeschmack zum Trotz aber steht blasse Haut noch immer für Stil und Eleganz, in vielen Kulturen auch immer noch für Wohlstand und sozialen Status. Hautbleichmittel erzielen millionenfache Umsätze, vor allem in Asien.

Blasse Haut steht auch für Unschuld, Makellosigkeit und Attraktivität. Das jedenfalls hat eine Studie der Universität Toronto im März 2008 behauptet. Kein Zufall also, dass blasse Schönheiten in Mode, Film und Werbung besonders erfolgreich sind.

Lara Stone @ Peter Lindbergh / Vogue Italia 2016Hanne Gaby Odiele © Nicholas Ong / The Ground Magazine 2016

Zu viel Sonne macht die Haut alt. Doch leider ist die begehrte Blässe nicht so leicht zu haben. Vor allem nicht im Sommer. Viele Sonnenschutzmittel sind mittlerweile in Verruf geraten.

Besonders Produkte, die der Hautalterung vorbeugen sollen, enthalten chemische Filter wie Oxybenzon, auch Ethylhexyl Methoxycinnamate oder Benzophenon genannt, die zwar vor UVB- und einem Teil der UVA-Strahlung schützen, aber auch zu den Spitzenreitern beim Thema Hautreizungen und Kosmetikallergien gehören. Oxybenzon steht zudem im Verdacht, ähnlich wie Östrogen zu wirken.

Chemische UV-Filter schaden nicht nur der Haut, sondern auch der Umwelt. Die Zeitschrift »Archives of Environmental Contamination and Toxicology« hat kürzlich eine Studie veröffentlicht, nach der jährlich rund 14.000 Tonnen Sonnenmilch mit Oxybenzon im Meer landen. Die Folge: Die bunten Korallen verblassen, bleichen aus und sterben schließlich ab. Hawaii hat jetzt als erster US-Bundesstaat ein Gesetz verabschiedet, das Sonnencremes mit chemischen Filtern verbietet. Auch auf der mexikanischen Halbinsel Yucatán sind am Strand nur noch biologisch abbaubare Sonnenschutzmittel erlaubt.

Binx Walton, Anna Ewers, Hanne Gaby Odiele und Molly Bair © Alexander Wang Fall/Winter 2015 ad campaign / Courtesy of Alexander Wang Coco Rocha © Katie Friedman / Glamour

Die Alternative sind mineralische UV-Filter wie Titandioxid und Zinkoxid. Die natürlichen weißen Farbpigmente legen sich wie kleine Spiegel auf die Haut und reflektieren das Sonnenlicht. Die Sonnencreme schützt direkt nach dem Auftragen, ist chemisch stabil und kaum allergen.

Leider hinterlassen mineralische Filter erst mal einen weißen Film auf der Haut. Mittlerweile wird versucht, die Pigmente zu Mikropartikeln zu vermahlen oder mit Silizium zu umhüllen, um das »Weißen« zu mindern. Auch ein hoher Lichtschutzfaktor ist mit mineralischen UV-Filtern nur schwer zu erreichen, in vielen Produkten werden sie deshalb noch immer mit chemischen Filtern kombiniert.

Jennifer Lawrence © Dior Cruise 2018 ad campaign© Cindy Sherman, Untitled Film Still #47 1979Vanessa Redgrave © Gucci Cruise 2017 ad campaign / Glen Luchford

Ich habe meine perfekte Sonnencreme noch nicht gefunden. Derweil benutze ich mineralische UV-Filter, auch an wolkenverhangenen Tagen. Und wenn ich mich länger in der Sonne aufhalte, im Garten, am Strand oder bei einem Ausflug aufs Land, geht nichts über einen schönen und ganz und gar nicht altmodischen Sonnenhut.

 

 

 

Beitragsbild @ Louise Dahl-Wolfe, Vogue US 1959

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