TRUTH AND STYLE

WAS IST SCHÖN?

Nicht alles, was gefällt, ist schön. Aber was ist schön? Mit dieser Frage begibt man sich auf gefährliches Terrain. Schönheit sei schließlich relativ und subjektiv, so heißt es gern. Jede Zeit und jede Epoche habe überdies ihre eigenen Schönheitsideale und jede Kultur und jeder Mensch finde etwas anderes »schön«. Schönheit sei eine Frage des persönlichen Geschmacks und über Geschmack lasse sich bekanntlich nicht streiten: »De gustibus non est disputandum«.

Die Redewendung stammt von dem französischen Gastrosophen Jean Anthelme Brillat-Savarin, der 1864 in seinem Buch Physiologie des Geschmacks erklärt, ein Geschmack sei weder richtig noch falsch, sondern bloß subjektiv. Der Gourmet geht von der Zunge aus und vom Schmecken, und der Geschmackssinn ist ja nun tatsächlich subjektiv – dem einen schmeckt Schweinshaxe oder Blutwurst, dem anderen Wachtel oder Weinbergschnecke. Der eine mag Kaviar, der andere Vollkornhaferflockenkekse.

Im gehobenen Sinne meint Geschmack auch Anstand, Takt und guten Ton. Auch hier ist der Geschmack heute eher beliebig und irgendwie aus der Mode gekommen. Die meisten Menschen reklamieren den guten Geschmack ohnehin nur für sich selbst – der schlechte Geschmack ist immer der Geschmack der anderen.

Glücklicherweise hat die Schönheit mit dem Geschmack nur wenig gemein. Schönheit ist keine Sensation des Gaumens, sondern eine Begabung des Geistes. Oder ein Geschenk der Götter.

Tullio Lombardo, Schildträger, 15. Jahrhundert. In der Restaurierungswerkstatt des Bode Museums Berlin © Doris Spiekermann-Klaas

Joseph Beuys, THE HEARTH / Feuerstätte 1968-1974 © kunstmuseum basel

Unsere moderne Definition von Schönheit stammt von Immanuel Kant, dem deutschen Philosophen der Aufklärung. In seiner Kritik der Urteilskraft erklärt Kant 1790 ebenfalls, es könne kein objektives »ästhetisches Urteil« geben, da dieses immer auf persönlichen Empfindungen wie Lust oder Unlust, Anziehung oder Abneigung basiere und folglich stets subjektiv sei. Ob wir einen Gegenstand »schön« oder »häßlich« finden, hängt allein davon ab, ob wir bei seiner Betrachtung ein Gefühl von Vergnügen oder von Verdruss  empfinden.

Für Kant ist ein ästhetisches Urteil immer von persönlichen Interessen oder subjektiven Begierden getrübt. Das Schöne ist nur dann objektiv schön, wenn es von »interesselosem Wohlgefallen« ist. Eine Rose ist also nur dann schön, wenn sie völlig zweckfrei und gewissermaßen gleichgültig am Wegesrand steht. Wenn sie aber in den Garten gepflanzt oder gar das Geschenk einer geliebten Person ist, so ist ein Interesse oder womöglich gar ein Begehren im Spiel und die Schönheit der Rose ist nichts als eine subjektive Empfindung.

Das ist ein radikal neuer Ansatz. Seit der Antike nämlich gilt die Schönheit als eine objektive Eigenschaft der Dinge. Eine Rose ist schön. Das Schöne ist frei und unabhängig und kümmert sich nicht um die Befindlichkeiten eines Betrachters.

Venus von Milo, 130-100 vor Christus. Die antike Göttin der Schönheit. Louvre, Paris

Baccanten an der Fassade des Schlosses Sanssoucci, 1747. Potsdam

Dass das Schöne auch mit Begeisterung zu tun hat, mit Lust und Rausch und Leidenschaft, das hat der preußische Professor nie verstanden. Sein ästhetischer Kritizismus ist das Produkt eines intellektuellen Eisblocks, der nie eine Frau berührt hat, der seine Tage mit der Präzision eines Räderwerks automatisiert und nie aus seiner Provinzstadt herauskommt. Die geniale Konstruktivität des Denkens, in der Kant ein Meister bleibt, versperrt ihm den Blick und versagt ihm die Freude am Schönen.

Ein wahrer Alptraum übrigens für alle Künstler, die nach Schönheit streben. »Ach, wär ich nie in eure Schulen gegangen«, seufzt beispielsweise der Dichter Friedrich Hölderlin, dessen schwärmerische Suche nach absoluter Schönheit durch die Begegnung mit Kant empfindlich gehemmt wird.

Die Sehnsucht nach Schönheit ist eine Sehnsucht der Seele. Das zumindest haben die antiken Philosophen behauptet. Ich habe das Glück, in Potsdam zu leben – an einem Ort, an dem begnadete Baumeister und Landschaftsarchitekten ohne Rücksicht auf Budgets oder Bürgerprotestbewegungen, die ja grundsätzlich gegen alles sind und vor allem gegen alles Große, einen schönen Traum geschaffen haben, der heute nicht mehr möglich wäre.

Die preußischen Könige erlauben sich, in ihrer kargen Mark ein paradiesisches Arkadien nach den Idealen der Antike zu schaffen, eine Kunstlandschaft mit Ruinen und Skulpturen, Orangerien und Römischen Bädern. Natur und Kunst gruppieren sich zu wohlproportionierten Bildern. Symmetrisch stehen Hecken und Skulpturen, harmonisch öffnen sich Sichtachsen zwischen den Schlössern und Seen. Et in Arcadia ego!

Weg im Park von Sanssoucci, Potsdam © ac

Blick über den Heiliger See zum Marmorpalais im Neuen Garten, Potsdam © ac

Was ist schön? Seit je hat der Mensch versucht, die Gesetze der Schönheit zu entschlüsseln. Das wohl wichtigste Konzept geht auf den griechischen Mathematiker Pythagoras aus dem 6. vorchristlichen Jahrhundert zurück, der die Zahl zum Prinzip der kosmischen Ordnung erhebt. Aus seiner Lehre leitet der antike Philosoph Platon die These ab, dass das Schöne durch mathematische Ordnung, durch Proportion und Symmetrie, bestimmt werden kann.

In den perfekten Proportionen von geometrischen Körpern, von Würfeln, Pyramiden oder Oktaedern, findet Platon das Prinzip der Schönheit. In diesen vollkommen regelmäßigen Körpern nämlich gibt es die größtmögliche Symmetrie. Das Ideal wird zuerst auf die Künste übertragen, vor allem auf die Architektur. Die Proportion bestimmt die Abstände zwischen den Säulen im Tempel und die Gliederung der Fassaden.

In der italienischen Renaissance werden die platonischen Körper erneut zum Maßstab für die ideale Schönheit. Der Architekt Andrea Palladio baut seine Villen wieder vollkommen symmetrisch, der Mathematiker und Franziskanermönch Luca Pacioli erklärt in seinem 1509 publizierten Werk De divina proportione die perfekte Proportion wieder als Maßstab für die Schönheit des Menschen. Vorbild sind die antiken Skulpturen von Göttern, Helden und Menschen.

Andrea Palladio, Villa Rotona bei Vicenza. 1591

Karl Friedrich Schinkel, Caldarium Römische Bäder im Park Sanssouci. 1829 © spsg

Pacioli beeinflusst Künstler wie Albrecht Dürer und Leonardo da Vinci, der den menschlichen Körper in geometrische Formen wie Quadrat und Kreis setzt. Auf seiner berühmten Skizze »Der vitruvianische Mensch« von 1490 berührt der vollkommen proportionierte Körper mit den Füßen und Fingerspitzen einen Kreis und ein Quadrat. Die Schönheit des Menschen entsteht aus dem idealen Verhältnis seiner Körperteile zueinander.

Aus der Antike stammt auch der »Goldene Schnitt«. In dieser idealen Proportion muss – um es kurz zu machen – das Verhältnis des Ganzen zu seinem größeren Teil dem Verhältnis des größeren zum kleineren Teil entsprechen. Der Goldene Schnitt gilt als ein Inbegriff von Ästhetik und Harmonie. Das bekannteste Gemälde, das dem Verhältnis des Goldenen Schnittes entspricht, ist da Vincis Mona Lisa von 1503. Das Bild ist auf einem »Goldenen Dreieck« aufgebaut, in dem die Längen von Grundseite und Schenkel im Goldenen Schnitt stehen.

Bis in die Neuzeit bestimmen die Gesetze von Proportion, Symmetrie und Goldenem Schnitt die abendländische Vorstellung von »klassischer« Schönheit. Bis ins 19. Jahrhundert werden in den großen Museen die antiken Skulpturen gesammelt, ausgestellt und notfalls neu modelliert. Die Gipsformerei der Staatlichen Museen Berlin beispielsweise produziert seit 1819 originalgetreue Gips-Abgüsse der wichtigsten Werke des Altertums.

In der Modellhalle der Gipsformerei Berlin © Jürgen Hohmuth

Königin Nofretete © smb

Das älteste und wohl berühmteste Bildnis einer Schönen mit einem vollkommen symmetrischen Gesicht stammt aus dem 14. vorchristlichen Jahrhundert und zeigt die ägyptische Königin Nofretete. Die berühmte Büste aus bemaltem Kalkstein, die seit ihrer Entdeckung im Jahre 1912 weltweit bewundert wird, zeigt eine makellose Schönheit mit Schwanenhals, hohen Wangenknochen, goldenem Stirnband und einer blauen Krone. Natürlich ist das Bild eine kalkulierte Inszenierung und über jedes menschliche Maß hinaus perfektioniert. Dennoch bleibt die Büste mit ihren ebenmäßigen Proportionen auch in der Moderne ein Schönheitsideal. Selbst das Make-up der Königin wird bis ins 20. Jahrhundert immer wieder kopiert.

Was ist schön? Das Schöne hat seine Unschuld längst verloren. Die Schönheitsideale des Alten Europa sind fast vergessen – Hölderlins »Hymne an die Schönheit« ist schon vor hundert Jahren verhallt. Die Natur, die lange als vollkommen schön gilt, in Wahrheit aber niemals nur schön, sondern immer auch schrecklich war, ist heute zumeist zerstört oder vergiftet. Ist ein Geier schön, der in vollkommener Regungslosigkeit neben einem verhungernden Kinde hockt? Ist eine Flutwelle schön, ein Vulkanausbruch oder der Einschlag eines Meteoriten?

Auch in der modernen Kunst ist das Schöne nicht nur verpönt, sondern geradezu verdächtig. Das Schöne ist längst nicht mehr das Wahre, sondern nur noch das Geschönte und Geschmeichelte. Eine glatte und polierte Oberfläche. Nur in der Werbung und der Warenwelt wird die Schönheit – weit entfernt von Kants »interesselosem Wohlgefallen« – noch hartnäckig verteidigt. Die Schönheit dient dem Marketing, die Göttin dem Geschäft. Aber das ist ein anderes Thema.