TRUTH AND STYLE

MODE UND STIL

Mode kann alles sein – ein Spiel, eine Flucht oder ein Trost. Mode kann eine Phantasie sein, eine Maske oder eine Leidenschaft. Mode kann eine Idee sein, eine Rebellion oder ein Ausdruck von Sexualität.

Mode ist stetiger Wechsel und Veränderung. Mode ist Show und Inszenierung, ist ein aufgeregtes Gerede und Gewese um irgendein angeblich »Neues«, das alle drei Monate die Geschäfte, die Werbung und die Magazine füllt.

Mode hat keinen Sinn für etwas so Langweiliges wie Alltag und Monotonie. »Mode muss die erregende Befreiung aus der Banalität der Welt sein«, hat Diana Vreeland, die frühere Chefredakteurin der amerikanischen Vogue, einst erklärt.

Mode ist ein Traum. Wir kaufen keine Waren, wir kaufen Träume. In diese schlüpfen wir hinein wie in eine andere Rolle oder ein anderes Leben. Wir lassen uns gemeinhin nicht von der Warenwelt verführen, sondern von unseren eigenen Traumbildern. Wir sehen zufällig ein Paar rote Schuhe mit schwindelerregenden Absätzen und stellen uns augenblicklich vor, wie wir damit an einem sonnigen Sonntagvormittag auf unserem Balkon sitzen und uns jung und schön fühlen.

Dieses Bild ist stärker als alle Vernunft. Und so kaufen wir die Schuhe, obwohl wir natürlich wissen, dass wir niemals in roten Stilettos auf unserem Balkon sitzen werden und schon gar nicht an einem Sonntagvormittag.

Cara Delevingne © Karl Lagerfeld / Chanel Fall/Winter 2014 ad campaign
Coach Fall/Winter 2016 ad campaign @ Steven Meisel
»Subjective Reality«. Miu Miu Fall/Winter 2015 ad campaign © Steven Meisel

Den inneren Bildern sind all die Teile geschuldet, in die wir uns verlieben und die wir niemals tragen. Da ist der Traum aus schwarzer Spitze, in dem Cara Delevingne im Boxring posiert, doch leider sind wir nicht Cara Delevingne und zu Boxkämpfen gehen wir normalerweise auch nicht.

Da ist die coole Lederjacke, in der wir, nach einem unbarmherzigen Blick in den Spiegel, leider unmöglich aussehen. Da sind der karierte Minirock und der umwerfende Mantel mit Zebra-Print, in denen wir uns immer verkleidet fühlen, ganz gleich, was wir vorhaben oder wohin wir gehen.

»Mode kommt aus einer Traumwelt«, hat der französische Couturier Christian Dior schon Mitte des 20. Jahrhundert gewusst. »Und Träume sind die Rettung vor der Wirklichkeit«.

Mode ist die Angelegenheit eines Augenblicks. Stil hingegen ist etwas völlig anderes. Die Sehnsucht nach Schönheit oder Stil ist zeitlos. Es hat sie immer gegeben. »Mode ist vergänglich, Stil ist für die Ewigkeit«, hat der französische Modeschöpfer Yves Saint Laurent bekanntlich gesagt.

Vladimir Horowitz, Carnegie Hall 1965
Lady Dior Fall/Winter 2016 ad campaign
Tulips I 1987 © Robert Mapplethorpe

Nun ja, ewig ist gar nichts. Ewig sind nicht mal die Götter. Ewigkeit meint hier natürlich Zeitlosigkeit, aber selbst diese gibt es eigentlich nicht. Auch Stile sind immer dem Geschmack einer Zeit geschuldet – dem sogenannten Zeitgeist entkommt man nun mal nicht. Man steckt bis zum Halse im Stil der eigenen Zeit und selbst der Protest gegen den Zeitgeist bleibt ihm letztlich verhaftet.

Stil ist zwar zeitlos, doch nur in gewissen Grenzen. Unsere heutigen »zeitlosen Klassiker« stammen fast sämtlich aus dem 20. Jahrhundert. Der Trenchcoat etwa, der für britische Soldaten im Ersten Weltkrieg erfunden wird oder das Twinset, das in den 30er-Jahren für das Wollhaus »Pringle of Scotland« entworfen wird und zum Lieblingsteil von Queen Elisabeth II. avanciert. Andere Klassiker kommen von der legendären Coco Chanel, übrigens eine der wenigen wirklichen »Stil-Ikonen» der Modewelt. Das »Kleine Schwarze« zum Beispiel stammt aus den 20er Jahren, das Tweed-Kostüm, das bis heute immer wieder neu interpretiert wird, aus den 50er Jahren.

Heidi Mount © Karl Lagerfeld / Chanel Spring/Summer 2009
Coco Chanel, 1962 © Douglas Kirkland / Pleasurephoto
The Little Black Jacket © Karl Lagerfeld / Chanel / Steidl Verlag 2012

Aus den Fünfzigern stammt auch »Das kleine Buch der Mode«, in dem Christian Dior eine Art Lexikon des guten Stils erstellt – von A wie Accessoires über E wie Eleganz bis X wie X-klusivität. 1947 entwirft Dior sein großartiges »Bar Jacket«, mit dem er den »New Look« begründet und die Rückkehr der weiblichen Silhouette feiert. Auch diese Jacke ist heute wieder erhältlich – und so stilvoll wie vor siebzig Jahren.

»Le Tailleur Bar«, 1947 ©Musée Christian Dior / Jean‑Baptiste Mondino

Es scheint, als sei Stil das Privileg eines verflossenen Jahrhunderts. Das stimmt nicht ganz. Die Gesetze des Stils haben ihre Gültigkeit nicht verloren. Eleganz, Einfachheit, Zurückhaltung und Understatement gehören noch immer dazu.

Stil ist schwer zu beschreiben und noch schwerer zu fassen. Er hat etwas mit »Allure« zu tun, mit jener Anmut, die so flüchtig scheint und doch so intensiv ist. Stil oszilliert zwischen Inszenierung und Authentizität, zwischen Attitude und Natürlichkeit.

Stil lässt sich auch nicht verschreiben. Er lebt von der individuellen Freiheit, vom Mut zum eigenen Charakter und vom Bekenntnis zur eigenen Persönlichkeit. Stil ist keine Frage des Alters und erst recht keine Frage von vordergründiger Attraktivität. Diana Vreeland entspricht keinem gängigen Schönheitsideal, doch ihr Stil ist genial.

Diana Vreeland, 1980 © Harry Benson

Gelegentlich wird behauptet, Stil könne man nicht lernen – man habe ihn oder habe ihn nicht. Das ist natürlich grober Unsinn. Stil ist keine Frage der Geburt oder der Gene, sondern eine Frage des Willens. Man ist nicht »born to be chic«, aber man braucht den unbedingten Willen »to be chic«. Vreeland hat es so formuliert: »The only real style is in the mind; if you’ve got that, the rest really comes from it«.

Stil ist eine Frage der Haltung – sich selbst und der Welt gegenüber. Stil braucht Offenheit und Neugier, braucht ein gewisses Maß an Esprit, Bildung und Kultur und einen unabhängigen, unversperrten Blick. Spießigkeit und Stil gehen nie zusammen. Stil ist auch eine Frage guter Manieren, auch wenn die Manieren, wie der Stil selbst, heute eher selten geworden sind.

Stil kann exaltiert oder extravagant sein, aber auch schlicht, unprätentiös und lässig. Mila Kunis in einem einfachen Pullover, Lauren Hutton in einem cleanen weißen Mantel, Audrey Hepburn im schwarzen Top, schwarzen Capri-Hosen und schwarzen Ballerinas.

Mila Kunis © Miss Dior Fall/Winter 2012 ad campaign
Lauren Hutton © W Magazine
Audrey Hepburn @ Wallpaper

Das Stilvolle muss bequem sein? Unbedingt! Wir wollen Stil! Aber wir wollen auch leben und atmen und frei sein.