TRUTH AND STYLE

KLASSIKER. DER ROTE LIPPENSTIFT

Schön ist, was schön macht. Der rote Lippenstift macht zweifellos schön. Und das seit mehr als einem Jahrhundert. Ein roter Lippenstift passt zu jedem Alter, jedem Teint und jeder Haarfarbe. Ein bemalter Mund ist wahr? Nein. Aber er hat Stil.

Nun brauchen wir wirklich keine wissenschaftlichen Studien von irgendwelchen Gender-Geschlechter-Projektgruppen an irgendwelchen Universitäten in Boulder oder Bielefeld, um zu wissen, dass ein rot geschminkter Mund für Aufmerksamkeit sorgt. Rot ist nun mal eine Signalfarbe. Sie demonstriert Macht, Einfluss und Kampfbereitschaft. Rot stärkt das Selbstvertrauen und den Willen, die Welt zu erobern.

Mouth (for L’Oréal), New York 1986 © Irving Penn

Königinnen haben das schon früh erkannt. Die ägyptische Königin Nofretete malt sich schon im 14. Jahrhundert vor Christus die Lippen rot. Und Queen Elisabeth I., eine der bedeutendsten Herrscherinnen der europäischen Geschichte, färbt ihren Mund im 16. Jahrhundert mit einer Mixtur aus Gummi arabicum, Feigenmilch, Eiweiß und zerstampften Cochinelleläusen. Was in ihrem schneeweiß gepuderten Gesicht besonders dramatisch aussieht.

Rot ist eine Farbe für Königinnen. Auch Schneewittchen mit ihren Lippen rot wie Blut ist schließlich keine Dorfschöne, sondern eine Königstochter. Bis ins 20. Jahrhundert ist Lippenrot extrem teuer. Erst als das französische Parfumhaus Guerlain eine Rezeptur aus gefärbtem Bienenwachs und Rosenextrakten entwickelt und den Lippenstift 1910 in eine Metallhülse steckt, beginnt sein Siegeszug.

In den 20er Jahren steht die französische Schauspielerin Sarah Bernhardt plötzlich mit feuerrotem Mund auf der Bühne und nennt den Lippenstift einen »Zauberstab des Eros«. Rote Lippen sehen so herrlich nach Sünde und Verführung aus. Rote Lippen sind so wunderbar verwegen, verrucht und dekadent. Sie schmecken nach Amouren und gefährlichen Leidenschaften.

Foto aus der Serie »Heimat« © Ellen von Unwerth / Taschen

Den Nationalsozialisten gefällt das ganz und gar nicht. Eine anständige deutsche Frau hat natürlich und gesund auszusehen, »angemalte« Lippen sind obszön. Die deutsche Frau raucht nicht, trinkt nicht und schminkt sich nicht, so lautet die offizielle NS-Parole. Was die nationalsozialistische Elite und die höheren Offiziere nicht daran hindert, ihren Champagner in Gesellschaft sorgfältig zurechtgemachter Damen zu trinken. Und die prominenten Nazi-Frauen wie Eva Braun, Leni Riefenstahl oder Magda Goebbels nicht, ihren Lippenstift besonders dick aufzutragen.

Für die alliierten Kriegsgegner hingegen ist der rote Lippenstift eine Art patriotisches Ausrufezeichen. »Victory Red« heißt die Farbe, die den Durchhaltewillen an der englischen Heimatfront stärken soll. Schminken ist vaterländische Pflicht. Als die Produktion von Lippenstiften 1939 aus kriegswirtschaftlichen Gründen eingestellt wird, sinkt die Motivation der weiblichen »Rekruten« in Krankenhäusern, Fabriken und Bürostuben rapide. Der britische Premierminister Winston Churchill nimmt daraufhin den Lippenstift von der allgemeinen Rationalisierung von Luxusgütern aus. Der Lippenstift ist am Ende doch kriegswichtig. Er hebt die Moral. Wie hat Coco Chanel gesagt? »If you are sad, add more lipstick and attack!«

Lauren Bacall © Silver Screen Collection / Getty Images

In den 50er- und 60er Jahren erlebt der Lippenstift vor allem in Amerika einen beispiellosen Boom. Ohne Lippenstift geht gar nichts. Die Chemikerin Hazel Bishop entwickelt die Rezeptur für einen Lippenstift auf der Basis von Lanonil, der lange hält und nicht verschmiert. Und Marilyn Monroe erklärt: »Men may come and men may go, but lipstick last forever!« Charles Revson stimmt Lippenstift und Nagellack farblich aufeinander ab und sorgt mit seiner Kampagne »matching lips and fingertips« für eine weitere Erfolgsstory.

Erinnert sich jemand an die Szene aus der amerikanischen TV-Serie »Mad Men«, in der sich die Sekretärinnen einer fiktiven New Yorker Werbeagentur begeistert auf einen Karton mit Lippenstiften stürzen, die sie hinter einem Einwegspiegel und unter den höchst süffisanten Kommentaren der männlichen Werber testen dürfen? Das ist chauvinistisch, keine Frage. Aber welche Farbe? Tomatenrot, Korallenrot, Erdbeerrot, Purpur oder Pink? Die Mädels geben sich alle Mühe und malen und malen und markieren das Ergebnis brav auf einem Tuch. Nur Peggy (Elisabeth Moss), die heimliche Heldin der Serie, weigert sich. »I don’t think anyone wants to be one of a hundred colours in a box.« Damit bekommt sie erst einen Auftrag als Texterin und schafft später einen für Frauen in den frühen Sechzigern noch ungewöhnlichen Aufstieg in der Macho-Männer-Arbeitswelt. Sage keiner, der Lippenstift sei nicht emanzipativ.

Marilyn Monroe © Getty Images

Nur bei den Anhängern der Linken und Grünen ist bis heute eine auffallende Aversion gegen Schminke im Allgemeinen und rotem Lippenstift im Besonderen zu beobachten. Warum das so ist, weiß ich nicht. Ein Protest gegen Kapitalismus und amerikanischen »Imperialismus«? Gegen Patriarchat und Pin-up? Weil man sich nicht mit nutzlosem Tand beschäftigen darf, wenn man die Welt retten will? Weil man wieder einmal »Zurück zur Natur« will? Oder weil ein Lippenstift eventuell gesundheitsschädliche Inhaltsstoffe enthält? Das mag sein. Aber was nützt einem Gesundheit, wenn man nicht gut aussieht?

Anfang der 80er habe ich mal kurzzeitig und eher versehentlich bei der Berliner „taz« gearbeitet. Mit knallrotem Lippenstift! Nach wenigen Monaten wurde ich aus dem Ressort »Lokales«, das mit so wichtigen politischen Themen wie Häuserkampf, Straßenschlachten und Molotow-Cocktails befasst war, in das Ressort »Frauen« komplimentiert, das mit weniger wichtigem »Weiberkram« befasst war und das eigentlich keiner wollte. Ich auch nicht. Man sieht, wie weit die Frauenbewegung in den links intellektuellen Kreisen damals bereits gekommen war. Dabei haben schon die führenden Frauenrechtlerinnen des 19. Jahrhunderts wie Elizabeth Cady Stanton und Charlotte Perkins Gilman glutroten Lippenstift getragen, um in den Straßen von New York für das Wahlrecht zu demonstrieren. Die Suffragetten machen rote Lippen zum Symbol der weiblichen Emanzipation.

Der Lippenstift kennt kein Alter und keine Nationalität. Amerikanische, chinesische, brasilianische, französische, russische, japanische und südkoreanische Models, Celebrities und ganz normale Frauen lieben den Stift. Nur deutsche Frauen sind eher zurückhaltend.

Anna Ewers © Patrick Demarchelier / Vogue China

Maye Musk © mike-ruiz

Liu Wen © Hd liu wen pictures / Wallpaper Clicker

Die weltweiten Produktionszahlen für Lippenstifte habe ich nirgendwo gefunden. Sicher ist: Dank Facebook und Instagram ist der Umsatz in den letzten fünf Jahren um 42 Prozent gestiegen. Junge Frauen haben heute an einem Tag mehr Fotos von sich als ihre Mütter in einem Jahr und ihre Großmütter in ihrem ganzen Leben. Und auf Selfies steht ein Lippenstift nun mal besonders gut. Er macht augenblicklich strahlend schön, lässt das Gesicht leuchten und zaubert den begehrten »Glow«.

Für ein perfektes und anhaltendes Ergebnis malt man den ganzen Mund erst mit einem passenden Lipliner aus und trägt dann den Lippenstift auf. Um die Farbe zu intensivieren, tupft man die erste Lage mit einen Kosmetiktuch ab und trägt noch eine zweite Lage auf. Meine persönlichen Favoriten sind übrigens »Rouge Allure Velvet« N° 58 von CHANEL, »Shanghai Express« von NARS und »Iconic 999 Matte Red« von DIOR, das aus den Farben 9 und 99 zusammengesetzt ist, die Christian Dior in den 50ern kreiert hat.

Am schönsten sieht roter Lippenstift auf einem sonst eher ungeschminkten Gesicht aus, allenfalls akzentuiert mit ein wenig Concealer und Mascara. Die Haut allerdings sollte möglichst makellos sein, rein und klar.

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